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Die kleine Schwester der Wildkirsche: Vielseitig verwendbare Zwergweichsel

Dass es in Mitteleuropa nicht nur Tafelkirschen gibt, sondern auch wilde Kirschen, wissen sicherlich die meisten Menschen. Viele kennen die wilde Vogelkirsche (Prunus avium) aus Laubwäldern und Hainen. Schon deutlich weniger Menschen wissen, dass die Sauerkirsche oder Weichsel (Prunus cerasus) bei uns zwar verwildert, aber wahrscheinlich nicht ursprünglich wild vorkommt. Die allerwenigsten jedoch werden die heimische kleine Schwester der genannten Wildkirschen kennen, die Zwergweichsel (Prunus fruticosa), die auch Steppenkirsche genannt wird.

Das ist schon deswegen nicht verwunderlich, weil sie in Mitteleuropa wild nur in wenigen Gebieten angetroffen werden kann, vor allem in Rheinhessen (westlichste Vorkommen), in Unterfranken, im Saale-Unstrut-Gebiet, an der Oder und in Böhmen, Mähren und Niederösterreich. Alle diese Vorkommen sind nur westliche Aussprengsel eines Hauptverbreitungsgebietes, das sich vom Balkan bis Kleinasien und Südwestsibirien erstreckt.
Die Zwergweichsel ist bei weitem unsere kleinste Wildkirsche und bildet nur Sträuchlein von einem halben bis ein Meter Höhe aus, selten etwas größer. Wie ihre Verwandten blüht sie weiß im zeitigen Frühjahr und bekommt rote Früchte, die sieben bis zehn Millimeter dick sind und sauer schmecken. Allerdings können die Früchte mancher Typen im voll reifen Zustande durchaus süß und wohlschmeckend sein. Die Blätter sind glänzend grün, vorne oft stumpflich oder nur kurz zugespitzt und im Durchschnitt drei bis vier Zentimeter lang. Der Strauch treibt häufig Wurzelausläufer und kommt deswegen oft in Kolonien vor.

 
Aus Gegenden mit trockenen Sommern
Die natürlichen Verbreitungsgebiete der Zwergweichsel sind typischerweise Gegenden mit trockenen und warmen bis heißen Sommern. Sie liebt steinige und kalkhaltige Lehmund Lößböden und ist lichtbedürftig. Deshalb wächst sie auch gern an Wegrändern und -böschungen, Felskanten und Weinbergmauern. Schatten und Nässe mag sie überhaupt nicht. Frostempfindlich, wie man in manchen Büchern lesen kann, ist sie allerdings nicht.
Ein Umstand, der das Erkennen und Bestimmen der Zwergweichsel sehr erschwert, ist die Tatsache, dass sie sehr leicht mit der Sauerkirsche (Prunus cerasus) bastardiert. Die Pflanzen werden dann meistens höher, haben etwas größere Blätter und besitzen oft eine geschwächte Fruchtbarkeit. Ein polnischer Forscher hat herausgefunden, dass die Durchbastardierung der Wildbestände von Osten nach Westen deutlich zunimmt. In den westdeutschen Vorkommen ist es also schon sehr schwer, die echte Art herauszufiltern. Aber auch in Niederösterreich, vor allem auf Hügeln südlich von Wien, kommt massenhaft der Blendling Prunus fruticosa x cerasus (= Prunus x eminens) vor, möglicherweise auch Prunus fruticosa x avium (= Prunus x mohacsyana) oder verwickeltere Bastarde.
Diese Blendlinge sind für den Gartenbau nicht uninteressant, da sich darunter zauberhafte Blütensträucher mit verschiedenen Wuchsformen finden und vielleicht auch verheißungsvolle Fruchtsorten. An der Gartenbauschule Schönbrunn in Wien hat sich Dr. Helmut Pirc um die Auslese solcher Sorten sehr verdient gemacht.

Früchte der Zwergweichsel

Bestens für Naturgärten geeignet
Aber auch die Wildform der Zwergweichsel ist vielseitig verwendbar. Hervorragend geeignet ist sie zum Beispiel für die zung von Böschungen, die sie durch ihr weitstreichendes Wurzelwerk schnell stabilisieren kann. Sehr gut ist sie auch für Formsteine und Natursteinmauerkronen sowie für die Kübelbepflanzung. Sie passt auch in Kleinstrauchhecken. Allerdings muss im Garten immer ihre Neigung zur Ausläuferbildung berücksichtigt werden. In Staudenflächen kann sie dadurch lästig werden.
Hinsichtlich der Naturgarteneignung dürfen wir nicht vergessen, dass die Blüten eine wichtige Nektarquelle für Bienen sind und die Früchte gerne von Vögeln gefressen werden.
Insgesamt kann man mit Fug und Recht sagen, dass die Zwergweichsel hierzulande bislang gartenbaulich völlig unterbewertet ist. Bisher gibt es im westlichen Europa Bepflan-nur eine für die Fruchtnutzung angebotene Sorte, nämlich ‚Fruchtzwerg‘, die von Dr. Pirc ausgelesen wurde und in Österreich von der Baumschule Praskac, in Deutschland von der Baumschule Ahornblatt vermarktet wird.

In Rußland auch ein Obstgehölz
Viel weiter ist man in dieser Hinsicht in Rußland. Dort wird von der Zwergweichsel in der Obstzüchtung reger Gebrauch gemacht, einmal wegen der großen Frosthärte dieser Art (nach russischen Angaben bis mindestens minus 40 Grad Celsius), zum andern wegen ihrer Kleinwüchsigkeit, sodass Kirschsorten für kleine Gärten erzielt werden können. Die Zwergweichsel wird mit Süßoder Sauerkirsche gekreuzt; es werden aber auch reine Auslesen von Prunus fruticosa verwendet. Insgesamt werden in Rußland Dutzende von Fruchtsorten der Zwergweichsel angeboten.
Besonderes Potential für unsere Gärten könnten dabei die Sorten ‚Schelannaja‘ und ‚Kurtschatowskaja‘ haben. ‚Schelannaja‘ ist eine Kreuzung zwischen gewöhnlicher Zwergweichsel und der Sauerkirschsorte ‚Ostheimer Weichsel‘. Sie wird nur 1,60 Meter hoch, ist selbstfruchtbar und hat mittelgroße, saftige Früchte mit gutem, süßsaurem Geschmack.
‚Kurtschatowskaja‘ ist ein einfacher Sämling der Zwergweichsel. Die Sorte bildet einen eineinhalb Meter hohen Strauch. Sie ist teilweise selbstfruchtbar und zeitigt mittelgroße, saftige, dunkelrote Früchte mit angenehm würzigem, säuerlich-süßem Geschmack, geeignet für Rohverzehr und Verarbeitung. Die Frosthärte dieser Sorte wird besonders hervorgehoben und führt zu einer Anbauempfehlung sogar für den Ural und Westsibirien. Wie wir sehen, gibt es also auch bei der Zwergweichsel noch viel zu entdecken.

Aus: Natürlich Gärtnern 5/2011
Text und Fotos: Dr. Norbert Kleinz


 
 
 

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