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Ein Duft von Weihnachten: Mandarinenrose

Bei den heimischen Wildrosen finden wir etliche Arten, die nicht nur durch den Duft ihrer Blüten, sondern auch durch den ihrer Blätter beeindrucken.

Auf einen solchen Strauch stieß ich einmal bei einer Wildrosenexkursion im Schweizer Kanton Wallis. Er stand am Rande einer Weide, und da er anscheinend immer wieder abgemäht wurde, hatte er keine Gelegenheit gehabt, Blüten oder Früchte auszubilden. Trotzdem erregte er meine Aufmerksamkeit, weil er deutlich anders aussah als alle andern in dieser ohnehin sehr bemerkenswerten Wildrosengegend.

Er hatte schöne dunkelgrüne, zierliche Blätter, deren Unterseite sich bei Berührung als leicht klebrig erwies. Dies deutet immer darauf hin, dass die Blätter kleine Drüsen besitzen, die einen Duft verbreiten. Deshalb nahm ich eine Duftprobe, die mich sehr überraschte, sowohl was die Stärke als auch die Art des Duftes betraf. Irgendwie erinnerte mich der Geruch an Weihnachten, aber es währte eine Weile, bis mir das Licht aufging: Mandarinen – es war der unverwechselbare Duft dieser Südfrucht. Damit war auch schon der deutsche Name geboren: Mandarinenrose (Rosa villosa var. microphylla f. personata).

Spielart der Apfelrose
Als sehr viel schwieriger erwies sich die genaue botanische Zuordnung, die nur mittels der umfänglichen mitteleuropäischen „Wildrosenflora“ von Robert Keller gelang. Es handelte sich um eine ganz vom Standard abweichende Spielart der Apfelrose (Rosa villosa), die Varietät microphylla, Form personata. „Microphylla“ bedeutet „kleinblättrig“ und bezeichnet eine zierliche Unterart der Apfelrose. „Personata“ heißt wörtlich „die Maskierte“ – ein Hinweis darauf, dass diese Apfelrose sich gar nicht als solche zu erkennen gibt, sondern sich mit ihren kleinen duftenden Blättchen als eine Art Ackerrose (Rosa agrestis) tarnt.

Über ganz Europa verbreitet
Die Apfelrose (Rosa villosa) als solche hat ein weitgespanntes Verbreitungsgebiet, das sich über ganz Europa erstreckt und bis nach Vorderasien reicht. Aus den Gärten kennen wir, wenn überhaupt, nur die Varietät recondita, mit auffällig großen Früchten und Blättern, die graugrün und samtig behaart sind. In der Schweiz, vor allem in den südlichen Alpen, hat die Apfelrose offensichtlich einen Verbreitungs und Mannigfaltigkeitsschwerpunkt. Dort begegnet uns eine ungeheure Fülle von Spielarten mit solchen Abweichungen, dass sie vom Laien kaum als zur Apfelrose gehörig erkannt werden können. Es gibt hier zum Beispiel ganz kleinwüchsige Formen, die nicht höher als 20 bis 30 Zentimeter werden, solche mit frischgrünen, unbehaarten Blättern oder solche mit zartrosa oder gar weißen Blüten. Auch der Duft der Blattdrüsen kann ganz verschieden ausfallen (Die geläufige Apfelrose besitzt einen leicht harzig-terpentinigen Duft, nicht etwa nach Apfel. Der ist der Weinrose vorbehalten). Die auffällige Mandarinenrose kommt aber auch in diesem Gebiet nur sehr vereinzelt vor.
Die Mandarinenrose gehört also zu den Apfelrosen und darf auf keinen Fall mit der manchmal als Mandarin-Rose bezeichneten ostasiatischen Rosa moyesii verwechselt werden.
Die Mandarinenrose kommt wild vor allem am Rande von Weiden und Gebüschen vor, oft auf steinigen, aber doch nicht ganz nährstoffarmen Böden. In unseren Gärten hat sie sich als recht anpassungsfähig und anspruchslos erwiesen. Wie fast alle Rosen mag sie allerdings keine staunassen oder vollschattigen Standorte.

Die leuchtend hellroten Hagebutten sind birnenförmig ausgebildet.

Anmutige Erscheinung
Sie wächst als gedrungener, aufrechter Strauch von anmutiger Erscheinung. Er wird sicherlich nicht höher als 1,60 bis 1,80 Meter. Die Zweige wachsen recht straff und hängen nur leicht über, sodass diese Wildrose auch zur Bepflanzung kleinerer Gartenräume geeignet ist. Wie bei allen Apfelrosen sind die Zweige nicht allzu dicht mit feinen geraden Stacheln versehen. Die Zweigrinde ist schön violett-blau überlaufen. In harmonischem Abstich dazu stehen die dunkelgrünen zierlichen Blätter. Die Teilblättchen sind auffällig schmal und zum Stiel hin keilförmig zugespitzt. Sie sind nur spärlich behaart und auf der Unterseite reichlich mit Duftdrüsen besetzt.
Die auch recht zierlichen, schön rosenroten Blüten erscheinen von Mai bis Juni, oft zu mehreren in einem Blütenstand. Sie werden im Spätsommer gefolgt von zum Teil birnförmigen, leuchtend hellroten Hagebutten, die ebenso wie ihre Stiele von Drüsenborsten besetzt sind.

Für kompakte Wildrosenhecken
Der Nutzen dieser außergewöhnlichen Rose für den Garten ergibt sich schon aus dem oben Gesagten. Sie ist wie geschaffen für kompakte Wildrosenhecken, die nicht durch weit überhängende Zweige stören sollen. Ihre volle Schönheit kann sie allerdings nur als Einzelstrauch entfalten, vielleicht neben dem Hauseingang oder an der Terrasse. Sie ist auch geeignet für die Verbindung mit Staudenpflanzungen, da sie nach unserer Beobachtung nur sparsam Ausläufer treibt.

Kleinod der Biodiversität
Für die Liebhaber von Duftpflanzen ist die Mandarinenrose geradezu ein Muss. Der köstliche Blattduft ist eine Nasenweide und kann so manchen Gartenbesucher verblüffen und dadurch für Gesprächsstoff sorgen, also eine echte „Konversationspflanze“. Versuchsfreudige Zeitgenossen sind eingeladen, mit den Blättern zu experimentieren. Sind sie vielleicht für Duftpotpourris geeignet? Wie entwickelt sich der Duft, wenn die Blätter getrocknet werden? Könnte man daraus sogar einen leckeren Tee bereiten? Oder gewerblich ein Duftöl extrahieren? Die Nutzung dieser Pflanze hat gerade erst angefangen.
Zum Schluss noch eine Beobachtung, die die Besonderheit dieser Rose noch mehr unterstreicht. Sie scheint sich genetisch nicht wie eine Zufallsform zu verhalten, sondern wie eine echte Art (species). Damit wäre klar, dass wir mit der Anpflanzung im Garten ein wirkliches Kleinod der Biodiversität zu erhalten helfen.

Aus: Natürlich Gärtnern 4/2011
Text und Fotos: Dr. Norbert Kleinz


 
 
 

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