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Besser als ihr Ruf: Die Alpen-Johannisbeere

Die Alpen-Johannisbeere (Ribes alpinum) ist so etwas wie das Aschenputtel unter den heimischen Johannisbeeren. Ihre Früchte werden in allen einschlägigen Büchern als nicht schmackhaft bezeichnet (was so nicht richtig ist, wie wir später sehen werden).

Der Zierwert des Strauches wird deutlich hinter exotischen Arten wie der Blut-Johannisbeere (Ribes sanguineum) eingestuft. Wer sich aber mit der Alpen-Johannisbeere näher beschäftigt, wird erkennen, dass sie in Wirklichkeit ein „Tausendsassa“ ist.

Der gedrungene Kleinstrauch Sorte ́Aureum ́ eignet sich sehr gut für kleinere Gärten.

Ein weiterer weit verbreiteter Irrtum wird durch den Namen des Strauches nahegelegt, der von manchen so aufgefasst wird, als komme die Art nur im Hochgebirge vor (kurzschlüssig gedacht, wächst doch auch die Deutsche Mispel beileibe nicht nur in Deutschland). In Wirklichkeit kommt die Alpen-Johannisbeere von Natur aus in fast ganz Europa vor, nach Norden bis zum 66. Breitengrad.
Sie bildet ein bis zwei Meter große unbestachelte Sträucher. Ihr Laub hat die typische Ribes-Form und kann bei flüchtigem Hinsehen mit dem der Stachelbeere verwechselt werden. Es haftet im Herbst besonders lang am Strauch und kann sich dann gelb, bisweilen auch rötlich verfärben. Eine Besonderheit sind die Blüten der Alpen-Johannisbeere. Sie sind nämlich im Gegensatz zu anderen Arten der Gattung (unvollständig) zweihäusig – das heißt, es gibt Sträucher mit überwiegend männlichen und solche mit überwiegend weiblichen Blütenständen. Aber selbst an männlichen Sträuchern kann man vereinzelte Früchte finden. Die Blüten sind grünlichgelb, erscheinen im zeitigen Frühjahr und verströmen einen zitrusartig frischen Honigduft. Die männlichen Blütenstände sind aufrechtstehende vielblütige Trauben, die weiblichen Blütenstände sind kleiner und wirken etwas rundlicher.
Die roten Beeren reifen im Sommer. Sie werden in der Regel liebevoll als „fade und schleimig“ beschrieben, was aber wie gesagt nur die halbe Wahrheit ist.

Als Unterwuchs in Wäldern
In der Natur findet man die Alpen-Johannisbeere oft als Unterwuchs in Wäldern. Es gibt kaum einen Strauch, der anspruchsloser bezüglich des Standortes ist. Er gedeiht in Höhen- ebenso wie in Tieflagen, im Schatten wie in der Sonne, auf Lehm- wie auf Sand- oder steinigen Böden, auf kalkhaltigen wie auf (leicht) sauren Böden, an Bachufernebenso wie in eher trockenen Kiefernwäldern – eine Vielseitigkeit, die wir uns in Garten und Landschaft wunderbar zunutze machen können.

́Schmidt ́ ist ein überwiegend männli-cher vegetativer Einheitsklon, der deswegen kaum Früchte ansetzt.

Den Verwendungsmöglichkeiten der Alpen-Johannisbeere sind in der Tat kaum Grenzen gesetzt. Vor allem für schattige (vielleicht sogar etwas trockene) Bereiche im Garten ist sie der Strauch der Wahl. Sie eignet sich sehr gut für niedrige (auch schnittfreie) Hecken und ebenso als frischgrüne Unterpflanzung von Bäumen oder größeren Sträuchern. Sie ist auch ein guter Sichtschutz, weil sie dicht und sehr lange Zeit im Jahr belaubt ist. Auch für flächige Pflanzungen bietet sie sich an, vor allem in einigen der unten genannten Sorten.
Den Tieren im Garten tut man damit mit Sicherheit etwas Gutes. Bienen und Hummeln schätzen die nektarreichen Blüten der Alpen-Johannisbeere. Die Vögel finden in den dichten Sträuchern gut Deckung und nehmen auch die Beeren gerne an.
Wer die Alpen-Johannisbeere aus Gärten und Anlagen kennt, hat fast zwangsläufig nur einen bestimmten Typ vor Augen. Das liegt daran, dass sich diese Art leicht vegetativ (durch Bewurzelung) vermehren lässt und die Baumschulen bequemer einen vegetativen Einheitsklon vermehren und anbieten können als (genetisch vielfältige) Sämlinge. Dieser bewusste Klon hört auf den Namen ‚Schmidt‘, ist (überwiegend) männlich und setzt deswegen auch kaum Früchte an. Kennzeichnend für ihn ist auch sein straffer aufrechter Wuchs, der ihn gut geeignet für Hecken macht.
Ich selber war sehr erstaunt, als ich bei einer Wanderung im Oberwallis Bekanntschaft mit einer aus Samen aufgegangenen Wildpflanze machte, die ich zunächst gar nicht als Alpen-Johannisbeere erkannte, weil auch mir nur der bewusste ‚Schmidt‘ vor Augen stand. Der Strauch stand auf der sanf- ten Kuppe einer Viehweide und war so mit reifen Früchten behangen, dass man zum Teil die Blätter nicht sah und der ganze Busch einem funkelnden Rubin glich.
Wer sich also an Alpen-Johannisbeeren in ihrer Vielseitigkeit erfreuen will, muss darauf achten, dass er Sämlinge als Pflanzgut bekommt und nicht nur uniforme ‚Schmidt‘- Pflanzen.

Besondere Eigenschaften von vornherein bekannt
Zum Glück werden mittlerweile, vor allem bei „Ahornblatt“ in Mainz, auch Sorten und Auslesen der Alpen-Johannisbeere angeboten, bei denen die besonderen Eigenschaften von vornherein bekannt sind. Es gibt sogar Frucht-Auslesen, weibliche Pflanzen, die einen besonders angenehmen Beerengeschmack aufwiesen und gezielt vegetativ weitervermehrt wurden. Die meines Wissens weltweit erste Speisesorte von Ribes alpinum ist ‚Majorenhof‘, die zufällig in einer Hecke im gleichnamigen Ortsteil von Riga-Strand/Jurmala in Lettland entdeckt wurde. Sie bildet einen gedrungen- aufrechten Strauch, ist mittelstark tragend mit süßen Früchten, die eine eindeutige Himbeernote aufweisen. Die Beeren können unmittelbar vom Strauche verzehrt werden.
Noch süßer und reichtragender ist ‚Frankfurt‘, die breit-überhängend wächst und im Botanischen Garten in Frankfurt am Main aufgefunden wurde.
Bei den Alpen-Johannisbeer-Fruchtsorten muss man sich darüber im Klaren sein, dass den Früchten die für andere Johannisbeeren kennzeichnende Säure fehlt. Aber für manche Menschen ist gerade das ein großer Vorzug.
Bei allen Fruchtsorten ist zwecks guten Ertrages darauf zu achten, dass männliche Befruchter vorhanden sind. In Frage kommen dafür zum Beispiel Sämlingspflanzen, aber auch die Sorte ‚Schmidt‘.

Die Alpen-Johannisbeere (Ribes alpinum) findet man in der Natur oft als Unterwuchs in Wäldern.

Von der Fruchtnutzung abgesehen, gibt es auch Sorten, die wegen ihres besonderen Zierwertes bzw. ihrer gestalterischen Ein- satzmöglichkeiten ausgelesen wurden.
Gedrungene Kleinsträucher für beschränkte Gartenräume sind ‚Pumilum‘ und ‚Aureum‘. Angesichts der erwähnten Standort- unempfindlichkeit der Alpen-Johannisbeere eröffnen sich hier schier unendliche Einsatzmöglichkeiten in Ziergärten. ‚Pumilum‘ bildet ein eher aufrechtes Sträuchlein und ist deswegen besonders für kleine schnittfreie Hecken geeignet. ‚Aureum‘ dagegen wächst eher breit als hoch und ist sowohl einzelstehend als auch in Gruppen als Bodendecker ein Schmuckstück. Beide Sorten setzen auch Früchte an, und ‚Aureum‘, auch Gold- Alpen-Johannisbeere genannt, punktet zusätzlich durch goldgrün schattiertes Laub, das dunkle Gartenecken aufhellen kann.
Für dichte, auch flächige Abpflanzungen hervorragend geeignet ist die Sorte ‚Green Mound‘. Sie wächst breitaufrecht, besonders gedrungen und dicht belaubt, und erreicht langsam fast Mannshöhe. Auch sie ist ein Beispiel dafür, dass Alpen-Johannisbeeren ein hervorragendes Potential für öffentliche Pflanzungen besitzen.

Aus: Natürlich Gärtnern 3/2011
Text und Fotos: Dr. Norbert Kleinz


 
 
 

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